Warum brauchen wir EPUB? oder die Kodexform des digitalen Zeitalters
Posted: Mai 3rd, 2011 | Author: michael | Filed under: Allgemein, Digitalisierung | Tags: eBook | 1 Comment »![]()
Auf dem Publishers’ Forum in Berlin gab es eine – zuegegben ausschließlich werblichen Zwecken dienende – Veranstaltung zum Thema EPUB (3.0), in der die Referenten durch die Möglichkeiten & Grenzen des EPUB-Standards führten. Am Ende des Vortrags dann die obligatorische Zuschauerrunde, die in der provokanten Frage eines Teilnehmers mündete:
“Warum brauchen wir eigentlich EPUB?”
Ich war geschockt. Nachdem sich der Schreck gelegt hatte, setzte aber auch bei mir das Nachdenken ein. Ja wieso eigentlich?
- EPUB ist ein sperriges Format. Wer einmal selbst ganz persönlich Hand an so formatiertes eBooks angelegt hat, weiß was ich meine. Validierungstools sind bei dieser Arbeit unerlässlich. Und mit jeder kleinlichen Fehlermeldung gewinnt die Überzeugung Oberhand, dass hier verbissene xhtml Fanatiker ihre Finger im Spiel hatten, die – nachdem sich HTML 5 durchzusetzen vermag – ein neues Betätigungsfeld suchen.
- EPUB vermag die Anforderungen der Verlage nur unzureichend abbilden. Satzbilder sind zwar reflowable, dafür aber auch nur sehr eingeschränkt den Berdürfnissen der Inhalte anzupassen.
- Die Erstellung von EPUBs muss im Produktionsprozess umständlich VOR dem Ausspielen in PDF angesiedelt werden und bedarf ebenso strenger Kontrolle. Das Format (und die Viewer) verzeihen keine Fehler – dafür produzieren sie mit Wonne eigene.
- ca. 2/3 (die genauen Zahlen schlage ich später mal nach, habe ich gerade nicht zur Hand) der eBooks werden im PDF-Format erstellt (und verkauft).
- Die Berücksichtigung von HTML5 in EPUB ist keine Revolution, sondern eine logische Schlussvfolgerung und bedient damit – träge, aber immerhin – eine Erwartungshaltung seitens der Nutzer
- … (ich bitte die Mängelliste in den Kommentaren zu erweitern)
Wozu also bitteschön brauchen wir EPUBs?
Auf diese Frage fand sich auf dem Podium – peinlicherweise – keine überzeugende Antwort (Keine Anklage, ich hatte mir selbst diese Frage ja ebenfalls nie offen gestellt).
Aber es gibt sie und sie ist facettenreich:
- Wir brauchen einen Standard. PDF ist keiner. Wenn wir unser gesammtes Wissen digitalisieren, dann geht das verantwortungsvoll nur in einem Format, das durch Standards gestützt wird. Die absehbar unabsehbaren Folgen eine Langzeitarchivierung von Digitalisaten in proprietären Formaten – obschon bereits praktiziert – ist sicher weniger zielführend als die Möglichkeit diese wohlgeformt und strukturiert für die Dauer einer Ewigkeit bereitzustellen.
- Standards sind der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Content, Software & Hardware. Nach (enormen) Startschwierigkeiten (siehe Browserkriege) ermöglichen sie ein effizientes Arbeiten. Es ist eine Frage der Zeit, bis Viewer & Reader ihre interpretatorischen Freiheiten des Formats auf die definierten Standards beschränken.
- Die für mich aber alles entscheidende Antwort ist eigentlich eine These:
- Das EPUB(Format) ist die Kodexform des digitalen Zeitalters.
Das Internet – und die damit verbundene Hypertextualisierung lebt vom ungezügelten Umfang. Es ist ja gerade dies ein Alleinstellungsmerkmal der Online-Publisher, sich nicht beschränken zu müssen (Wikipedia vs. Brockhaus). Der Digitalisierte aber ist weiterhin auf der Suche nach abgeschlossenen Einheiten (ich nenne das immer Content-Container), die – ähnlich wie das Buch im Regal - verlässlich und unverrückbar (zumindest für den Moment) Wissen (umfassend, aber eben auch endlich) erschließt (kleiner Seitenhieb: erschließen und abschließen…).
Die Unendlichkeit ist im Lesen wie im Leben eine furchtbare Vorstellung.
Verwertbares Wissen muss definiert sein in Umfang und Zeit. Dadurch erst wird es überprüfbar und erhält im wissenschaftlichen Sinne erst die Legitimation in den Diskurs aufgenommen zu werden.
Ein Text, der sich stetig – unbemerkt – verändern kann, ist dazu nicht in der Lage.
Das EPUB-Format leistet fast nichts, außer eben das: Es packt eine beliebig große Zahl von (in hypertextausgezeichneten) Inhalten in einen Container und fixiert diese damit.
In diesem Weltbild kann jeder Inhalt zum EPUB werden. Dieser Blogtext ebenso wie meine universitäre Abschlussarbeit oder ein Liedtext von Walther Schneider. Es ist schlicht egal. Nur im EPUB-Format ist es standardisiert, Fixierter Inhalt. Ihn kann ich heimtragen, ins Regal stellen und jederzeit in einen (historisch) korrekten Zusammenhang stellen. Er ist archivierbar geworden, lesbar auf vielen Endgeräten, er ist ein
umschlossener Block – die Kodexform des digitalen Zeitalters.


Ihren Artikel finde ich interessant. Vor einiger Zeit überlegte ich ob ich nicht die Inhalte meiner privaten Website in der Form von Ebooks veröffentliche. Bei näherer Beschäfftigung mit den EUPS- Standarts fiehl mir auf daß ich wieder mit HTML und CSS zu tun habe- genau wie bei meinen selbstgeschriebnen Webinhalten und Strukturen. Also eigentlich Webstandarts. Dies hat mir zu denken gegeben. Inzwischen habe ich meine EPUB -Pläne auf Eis gelegt und warte ich die nächste Generation von E-ink- Bildschirmen ab. Und: sind Webinhalte wirklich keine Dokumente?